Erich Pinchas Fromm wurde am 23. März
1900 als einziges Kind des orthodox-jüdischen Obstweinkaufmanns
Naphtali Fromm und seiner Frau Rosa, einer geborenen Krause, in
Frankfurt am Main geboren. Die Mutter Fromms entstammte einer
Familie russischer Emigranten, die in Finnland zum Judentum
konvertierten. Sein Urgroßvater war der "Würzburger Raw" Seligmann
Bär Bamberger, der im 19. Jahrhundert einer der bekanntesten
Rabbiner des deutschen Judentums war. Die Stimmigkeit des
religiösen, jüdischen Lebens beeindruckte den jungen Fromm tief.
Da auch sein Großvater Rabbi und sein Onkel mütterlicherseits
Talmudforscher waren, war Fromms Interesse für die
"mittelalterliche", vorkapitalistische Welt des orthodoxen Judentums
vorgezeichnet. Der Talmud und Halacha, das gesetzestreue Handeln,
war wichtiger als das Geldverdienen. Diese religiöse Existenz, die
der Vater beispielhaft vorlebte, beeinflußte Fromm zeitlebens, sogar
in seinem Tagesablauf. Der Morgen war dem Studium, der Meditation,
der Reflexion vorbehalten, erst nachmittags begann die
(therapeutische) Arbeit.
Dieser verinnerlichte religiöse Einfluß
des zum Teil überängstlichen Vaters gab Fromm die Möglichkeit, den
Konflikten mit seinen Eltern, vor allem mit seiner vereinnahmenden
Mutter, zu begegnen. Als Ausgleich zum Elternhaus und den Zwängen
des Einzelkind-Daseins begann er frühe Talmud-Studien bei Rabbi
Horowitz, die ihre Fortführung bei Rabbi Nehemia Nobel in der
Synagoge am Börneplatz fanden. Dieser ekstatische Prediger weist
Fromm auf die Befreiungsmöglichkeit des unmittelbaren, religiösen
Erlebnisses hin. Die jüdische Mystik beeindruckte Fromm, so daß für
ihn die Thora und vor allem die Schriften der Propheten Visionen des
universalen Friedens wurden. Kritisch wurde seine Haltung gegenüber
Kriegen und Brutalitäten, wie sie bei der Eroberung Kanaans deutlich
geworden waren. Hier wurde Fromms spätere Kritik am Herrschergott
patriarchalen Zuschnittes angebahnt, die in der späteren
nicht-theistischen Mystik gipfelte. Die nicht-theistische Mystik
verlegt die Gotteserfahrung in den Menschen, der durch Meditation zu
seinem eigenen Ursprung, für den "Gott" als Symbol steht, findet. Im
Kreis um Rabbi Nobel knüpfte Fromm teilweise freundschaftliche
Kontakte zu Ernst Simon, Siegfried Kracauer, Franz Rosenzweig, Leo
Löwenthal und Martin Buber, was von entscheidender Bedeutung für die
Entwicklung seiner Persönlichkeit wurde. Auch von Bloch und seinem
Geist der Utopie zeigt sich Fromm beeinflußt. Dieses Denken fand in
der Revolution der Hoffnung 1968 seinen Nachhall.
Nach dem Abitur 1918 begann Fromm
zunächst ein Jurastudium in Frankfurt, zum Sommersemester 1919
wechselte er dann nach Heidelberg. Schon während des Ersten
Weltkrieges begann seine kritische Distanz gegenüber irrationalem
Massenverhalten zu wachsen. Im Zusammenhang mit dem Selbstmord einer
Bekannten wurde hier die Grundlage für seine psychoanalytischen
Studien gelegt. Nach dem Tod Rabbi Nobels im Jahr 1922 lockerte sich
der Kontakt mit Frankfurt. Heidelberg mit dem akademischen Lehrer
Alfred Weber und dem Talmud-Lehrer Salmon Baruch Rabinkow wurde zur
wichtigsten Station in Fromms Leben. Seine soziologischen,
psychologischen und philosophischen Studien verschmolzen hier unter
dem Eindruck Rabinkows zu einer "jüdischen" Synthese, die
Sozialismus, Mystik, Humanismus und eine konservative religiöse
Lebenspraxis in einer durch gemeinsamen Kultus geprägten
Gemeinschaft verband. Rabinkow wurde rückblickend für Fromm zur
Personifikation eines am Sein orientierten Lebens. Die
mythisch-ekstatische Lehre des Chassidismus wurde universalistisch
interpretiert. Die Kabbala, die jüdische Mystik, erhielt eine
revolutionäre und intellektuelle Nuance, in der Lebensfreude und die
Marxsche Vision des Sozialismus verknüpft wurden. Fromm übernahm
Rabinkows anthropologische Option, seine Sicht des vorbildlichen
Menschen, in seine eigene Charakterlehre (vgl. R. Funk, 1983, S.
59). Die Begriffe Produktivität und Biophilie gehen der Sache nach
auf Rabinkow zurück. Dies war nur möglich, weil Rabinkow die
Selbständigkeit Fromms nicht indoktrinierend unterlaufen wollte.
Eine große persönliche Freiheit bestimmte ihr Verhältnis.
Als Fromm sich 1920 für ein Referat bei
Alfred Weber in das Mutterrecht Bachofens vertiefte, war die
Grundlage gelegt für Fromms spätere Distanzierungsversuche von
Freuds Libidotheorie, die er selbst allerdings erst durch die
Vermittlung von Frieda Reichmann 1923 kennenlernte. Die Theorie der
Mutterliebe und der bedingten Zuwendung durch den Vater wurden für
ihn wichtige Bezugspunkte, die Fromm auch innerhalb seiner
psychoanalytischen Ausbildung in Berlin als eigene Lebenserfahrungen
reflektierte. Ebenfalls 1920 schloß sich Fromm dem Gründungskreis
des Freien Jüdischen Lehrhauses um Franz Rosenzweig an. An dieser
"Volkshochschule" lehrten unter anderen Kracauer, Buber und
Löwenthal. Sein Interesse wurde auf die Interaktion von Menschen
innerhalb einer Gemeinschaft gelenkt. 1922 promoviert Fromm mit der
Arbeit Das jüdische Gesetz. Ein Beitrag zur Soziologie des
Diasporajudentums bei Alfred Weber. Bereits in dieser
Dissertation Fromms fand sich eine Vorform seiner Theorie des
Gesellschafts-Charakters. Das jüdische Gesetz bezeichnet eine
seelische Haltung, die vom überlieferten religiösen Ethos des
Judentums gespeist wird und das Leben als ganzheitliche Praxis
begreift (vgl. E. Fromm, 1922, S. 29ff.).
Fromm begann eine psychoanalytische
Ausbildung in München und Berlin. 1924 lernte er in Heidelberg
Frieda Reichmann näher kennen, als sie dort ein psychoanalytisches
Sanatorium eröffnete. Frieda Reichmann war Anfang der zwanziger
Jahre die Assistentin von J. H. Schultz, dem Begründer des Autogenen
Trainings. Fromm heiratete sie 1926. Zugleich mit den letzten
Kontrollanalysen seiner Ausbildung eröffnete Fromm im Herbst 1930 in
Berlin eine psychoanalytische Praxis, womit er seine berufliche
Perspektive festgelegt hatte. Er setzte seine Lehranalyse bei Karl
Landauer in Frankfurt fort, nachdem er sich im "Thorapeutikum"
Frieda Fromm-Reichmanns vom orthodoxen Judentum abgewandt hatte
(1926). Die negative Theologie des mittelalterlichen jüdischen
Philosophen Maimonides mit ihrem Bilderverbot ließ ihn später die
Wende zur nicht-theistischen, humanistischen Religiosität, zur
Mystik von Meister Eckhart und zum Zen-Buddhismus von D. T. Suzuki
und Nyanaponika Mahathera vollziehen. Dieser Bruch mit der jüdischen
Orthodoxie bedeutete jedoch keine Abkehr von der Religion
schlechthin. Das religiöse Erfahrungssubstrat, das er später als
X-Erfahrung bezeichnete, faßte Fromm nun in psychologische Begriffe
und beschritt damit einen eigenständigen Weg der Erklärung
religiöser Phänomene.
Das Jahr 1926 brachte somit für Fromm den
Durchbruch zu selbständiger, produktiver Identitätsfindung. In der
sich entwickelnden Analytischen Sozialpsychologie verknüpfte Fromm
zum einen die Forderungen der jüdischen Propheten mit der
Geschichtstheorie und dem Humanismus von Marx, zum anderen Bachofens
Mutterrechtstheorie mit Psychoanalyse. Er entdeckte für sich die
Determiniertheit der Menschen durch die Gesellschaft (Marx) und das
Unbewußte (Freud).
Kontakte zu Wilhelm Reich und Siegfried
Bernfeld führten zu dem Versuch, Psychoanalyse und Marxismus zu
verbinden (vgl. E. Fromm, 1932a, GA I, S. 37-57; H. P. Gente,
1970/72). Dennoch: bis 1934 war Fromm ein "orthodoxer Freudianer".
Dies wurde auch deutlich, als 1929 das psychoanalytische Institut in
Frankfurt als Heidelberger "Zweigstelle" gegründet wurde. Neben dem
Leiter, Karl Landauer, dozierten Erich Fromm, Frieda Fromm-Reichmann
und Heinrich Meng. Das Frankfurter Psychoanalytische Institut
fand gastliche Aufnahme in den Räumen des Instituts für
Sozialforschung (IfS), das von Max Horkheimer geleitet wurde.
Beide Institute bewahrten ihre Unabhängigkeit. Fromm hielt
Vorlesungen in Frankfurt und praktizierte gleichzeitig in Berlin als
Therapeut. Über den Studienfreund Leo Löwenthal kam Fromm als Leiter
der sozialpsychologischen Abteilung auf Lebenszeit 1930 an das IfS.
Daß der neu mit der Leitung des Instituts betraute Sozialphilosoph
Max Horkheimer dieses große Interesse an der Psychoanalyse zeigte,
hing mit seinem Problem zusammen, nicht frei vortragen zu können.
Horkheimer begann deswegen eine Therapie bei Landauer.
Schon bei seiner Antrittsvorlesung 1929
hatte Horkheimer seinen interdisziplinären Ansatz, eine umfassende
Theorie der Gesellschaft zu entwickeln, vorgestellt. Zur Kooperation
der Einzelwissenschaften gehörte nach den Erfahrungen der
gescheiterten Revolution von 1918 unverzichtbar das psychologische
Bindeglied zwischen ökonomischer Basis und ideellem Überbau.
Unwiderruflich und entscheidend beeinflußt wird Fromm als einer der
fruchtbarsten Köpfe des IfS von Horkheimer selbst, Pollock,
Grossmann und Löwenthal (vgl. G. Knapp, 1982, S. 21ff; R.
Wiggershaus, 1988, S. 67ff.).
Fromm vermittelte der Kritischen Theorie
wichtige theoretische und methodische Impulse. Seine humanistische
(religiöse) Grunderfahrung reformulierte er nun in materialistischer
Begrifflichkeit. Seine Sozialpsychologie versuchte, den Zusammenhang
zwischen Gesellschaft und Psyche zu erfassen. Die Annahme eines
vermittelnden Zwischenglieds zwischen Ökonomie und psychischer
Struktur fand ihren Ausdruck in der Form der "spezifischen
libidinösen Strukturen" (vgl. E. Fromm, 1932a, GA I, S. 56), woraus
später der "Gesellschafts-Charakter" wurde. Der Begriff der
Autorität, die Folgebereitschaft der Individuen, wird als
sadomasochistische Struktur in der Wirtschaft, im
Gesellschaftssystem, im politischen Bewußtsein analysiert. Die erste
psychoanalytische Feldforschung (E. Fromm, 1980, GA III, S. 1-224)
versuchte, durch assoziative, interpretative Verfahren die
unbewußten Motive der Arbeiter und Angestellten am Vorabend des
Dritten Reiches zu ermitteln. Das autoritäre (Un-) Bewußtsein wurde
als Kitt des Status Quo offenbar, die Diskrepanz zwischen objektiver
Klassenlage und realem politischen Handeln konnte erklärt werden. Es
ist mehr als eigentümlich, daß diese Untersuchung erst 1980
publiziert werden konnte.
Neben Rezensionen in der Zeitschrift
für Sozialforschung publizierte Fromm 1931 seine
Auseinandersetzung mit Reiks Religionskritik, in Die Entwicklung
des Christusdogmas (E. Fromm, 1930a, GA VI, S. 11-68). 1932
trennte er sich von Frieda Fromm-Reichmann, der er jedoch auch nach
der Scheidung 1940 freundschaftlich verbunden blieb. In diese Zeit
fällt auch die Tuberkoloseerkrankung, die ihn zur Kur nach Davos
zwang. Auf Vermittlung von Karen Horney wurde er Universitätslektor
für Psychoanalyse in Chicago und emigrierte in die USA.
Kurz nachdem er 1933 zusammen mit Andries
Sternheim zum Präsidenten der Genfer Internationalen Gesellschaft
für Sozialforschung ernannt worden war, nahm Fromm die Arbeit am
ebenfalls emigrierten IfS in New York wieder auf. Das Institut für
Sozialforschung war 1933 von den Nazis wegen "staatsfeindlicher
Tendenzen" geschlossen worden. Horkheimer war es jedoch gelungen,
die Bibliothek und das Stiftungsvermögen des Instituts zu retten.
Das Institut wurde zuerst nach Genf, dann nach Paris und später nach
New York ausgelagert (vgl. M. Jay, 1981, S. 48ff; R. Wiggershaus,
1988, S. 164ff.). Gleichzeitig mit der Rückkehr an das Institut
eröffnete Fromm in New York eine psychoanalytische Praxis. Dies
erlaubte ihm, ökonomisch auf eigenen Füßen zu stehen und machte ihn
auch relativ unabhängig von den finanziellen Zwängen des Instituts
für Sozialforschung im Exil. Fromm reduzierte so durch eigene
Kontakte und Arbeitsmöglichkeiten die Probleme des Exils. Für die
anderen Mitglieder des Instituts waren die Probleme im US-Exil
schwieriger zu bewältigen. Nur unter manifesten Konflikten vollzog
sich ihre Integration. Doch schon in der Anfangsphase der Emigration
des Institutes spielte Fromm eine wichtige Rolle, indem er mit
Gumperz die Chancen in den USA sondierte und für Horkheimer wichtige
Kontakte anbahnte. Als Gastprofessor an der Columbia Universität
verband Fromm Sullivans Theorie der zwischenmenschlichen
Beziehung mit Gedanken von Karen Horney, Frieda Fromm-Reichmann,
Clara Thompson, Margret Mead und Ruth Benedict. Er rückte von Freuds
Libidotheorie ab. Als der einzige ihn theoretisch anregende
Mitarbeiter genoß Fromm die Unterstützung Horkheimers, der noch die
"schopenhauerisch-buddhistisch inspirierte Modifikation Marxschen
und Freudschen Denkens" (vgl. R. Wiggershaus, 1988, S. 179, 300)
bevorzugte. Nicht zuletzt widersprach Horkheimer Adornos Kritik an
Fromm, obwohl Adornos Einfluß auf Horkheimer ab 1934 im Wachsen
begriffen war.
Im Exil in den USA begann für das
Institut für Sozialforschung eine politisch, wirtschaftlich und
wissenschaftlich schwierige Zeit, die sicher auch aufgrund der
herausragenden Stellung Horkheimers zu persönlichen Rivalitäten und
Profilierungsversuchen der anderen Institutsangehörigen führte.
Zweifellos hat jedoch auch die schwierige soziale und ökonomische
Situation der Exilwissenschaftler dazu beigetragen. Obwohl
Horkheimer und Pollock das Stiftungsvermögen des Instituts retten
konnten, wurde die Finanzierungsdecke für den wissenschaftlichen
Betrieb trotz gastfreundschaftlicher Unterstützung durch den
Präsidenten der Columbia Universität, Butler, knapp. Das Trauma
jüdisch-intellektueller Existenz blieb bestehen, denn die Aufnahme
des Instituts in den USA wurde durchaus auch von einem gewissen
Mißtrauen begleitet. Politisch hielten sich die tragenden
Instititutsangehörigen auf Horkheimers Wunsch sehr bedeckt. Fromms
wirtschaftliche Unabhängigkeit ermöglichte die Newarker Untersuchung
über den Einfluß der Arbeitslosigkeit auf die Autoritätsstruktur in
der Familie, die er zusammen mit Paul Lazarsfeld und Anna Hartoch
verfaßte und aus eigenen Einkünften bestritt (vgl. a. a. O., S.
188f.).
Trotz dieser empirischen Feldstudie
verschob sich langsam der Schwerpunkt der Arbeit des Instituts.
Waren die 1936 veröffentlichen, von Fromm, Horkheimer und Marcuse
verantworteten Studien über Autorität und Familie noch ganz
deutlich einem interdisziplinären Ansatz verpflichtet, so gewann in
den folgenden Jahren unter dem Einfluß Adornos die Rephilosophierung
der Kritischen Gesellschaftstheorie an Boden. Horkheimers
Dialektik-Projekt, aus dem später die Dialektik der
Aufklärung resultieren sollte, wurde zum Ziel und Zentrum des
Instituts. 1937/38 wurde die Situation des Instituts durch
finanzielle Schwierigkeiten, Anpassungszwänge und eine gewisse
angstbetonte Orientierungslosigkeit Horkheimers brisant. Neumann,
Marcuse, Kirchheimer, Gurland, Löwenthal und Pollock suchten Stellen
im Staatsdienst, um das Budget zu entlasten. Benjamin, Gumperz,
Neumann und Fromm wurde von Pollock mitgeteilt, daß ab 1. Oktober
1939 kein Gehalt mehr bezahlt werden könne. Die Institutsleitung war
der Ansicht, daß die Anbindung der Mitarbeiter an das Institut stark
genug sei, um diese Belastung zu bestehen, und wollte finanziell
unbesorgt das Dialektik-Projekt von Horkheimer und Adorno angehen.
Daß diese Taktik bei Fromm nicht so verfing, wie dies bei Pollock,
Marcuse und Löwenthal der Fall war, mag folgende Gründe haben: Schon
seit einiger Zeit hatte sich Fromm in (neo-) psychoanalytischen
Kreisen bewegt, was ihn intellektuell und sozial stärker in die USA
integrierte. Seine durch die Bezogenheits- und Mutterrechtstheorie
begründete Re-Vision der Psychoanalyse und der Libidotheorie wurde
nun von Horkheimer und Marcuse, von Adorno schon vorher, als Common
sense-Psychologie, "Verflachung" und "Harmonisierung" abgelehnt
(vgl. B. Görlich, 1980, S. 119ff.). Hinzu kam, daß sich Fromm
mehrfach brüskiert fühlte: durch die Form der Zahlungseinstellung
des Instituts durch die Nicht-Publikation der Arbeiter- und
Angestelltenuntersuchung. Außerdem verweigerten ihm Horkheimer und
Pollock die finanzielle Unterstützung, als Fromm versuchte, seine
Mutter nach der Reichspogromnacht 1938 aus Deutschland
herauszubekommen. Er hielt sich damals auf der Schatzalp in Davos
auf, um den zweiten Ausbruch seiner Tuberkulose auszukurieren. In
dieser Lage war er auf die soziale und ökonomische Hilfe des
Instituts angewiesen. Horkheimer lehnte die Stellung einer Kaution
telegraphisch mit dem Hinweis ab, daß die Situation aller
Institutsangehörigen ähnlich sei. Horkheimers eigene Situation war
jedoch im Gegensatz zu dem Telegramm vom 14. Dezember 1938
keineswegs vergleichbar, denn seine eigenen Eltern waren, relativ
gut versorgt, in der Schweiz in Sicherheit. Der tiefere Grund von
Fromms Ausscheiden aus dem Institut 1939 dürfte aber wohl die
persönliche und intellektuelle Animosität zwischen Fromm und Adorno
gewesen sein. Zu unvermittelt standen hier Optimismus,
psychoanalytische Praxis und die Betonung von Spontaneität und
Positivität gegen radikalen Geschichtspessimismus, ästhetische
Interessen, Ironie, Negative Dialektik und Kritik.
1939 wurde Fromm von seinem lebenslangen
Vertrag durch eine Entschädigung entbunden. Die Kontakte zum
Institut für Sozialforschung lösten sich weitgehend. Dennoch
förderte sein Ausscheiden die Entwicklung Fromms, der mit Die
Furcht vor der Freiheit (1941a, GA I, S. 215-392) in den USA
Anerkennung fand. Ähnlich verliefen die Karrieren von Löwenthal,
Marcuse und Neumann, die jedoch der Frankfurter Schule näher
verbunden blieben. Durch Fromms Trennung veränderten sich die
Arbeitsschwerpunkte der Frankfurter Schule, wenn auch die späteren
Kontroversen um die Kulturismusdiskussion (Adorno, Marcuse) mehr
Gemeinsames zutage förderten, als es den Kontrahenten bewußt war,
weil Differenzen höher bewertet wurden als die großen
Gemeinsamkeiten. Daß man den Konflikt personalisierte, anstatt ihn
wissenschaftlich auszutragen (vgl. R. Funk, 1980, S. XXI), führte
zum inneren und äußeren Wandel. Das Restinstitut zog an die
Westküste und bewältigte verschiedene Projekte bezüglich des
Nationalsozialismus, des Antisemitismus und der Dialektik der
Aufklärung. Die Studien zum autoritären Charakter wurden nun
mit orthodox-freudianischen Mitarbeitern (Sanford, Frenkel-Brunswik,
Levinson) durchgeführt. Horkheimer, Adorno und Pollock kehrten nach
dem Zweiten Weltkrieg (1949) nach Deutschland zurück.
Fromm hingegen nahm 1940 die
amerikanische Staatsbürgerschaft an. Verschiedene
Hochschullehrertätigkeiten an der Columbia University, in Vermont
(1941-50) und an der Yale University (1948/49) hielten ihn in den
USA. Zum ersten Höhepunkt wurde Die Furcht vor der
Freiheit(1941a), das Buch, das er noch im
Diskussionszusammenhang mit dem Institut für Sozialforschung 1936-40
erarbeitet hatte. Hier bezog Fromm deutlich Position gegen den
Nationalsozialismus. Der autoritäre Gesellschafts-Charakter zeigte
für ihn als Folge des ungelebten Lebens verschiedene kennzeichnende
Fluchttendenzen: Sadismus, Masochismus, Konformismus und
Destruktivität. Die Kritik an gesellschaftlichen Mißständen führte
Fromm zur Bedingungsanalyse von spontan-tätiger Freiheit. Er wurde
in den USA bekannt und bestätigte damit seine psychoanalytische
Revision. Im Vergleich zu den anderen "Neo-Freudianern" wie Karen
Horney, Harry Stack Sullivan und Clara Thompson war Fromms Position
jedoch bedeutend gesellschaftskritischer, was seine Kritiker häufig
übersahen.
Nach Streitigkeiten innerhalb der
psychoanalytischen Gesellschaften in den USA um libidotheoretische
Fragen und Probleme der "Laienanalyse", womit alle Nichtmediziner,
aber auch Fromm gemeint waren, gründeten Harry Stack Sullivan, Erich
Fromm, Frieda Fromm-Reichmann, Clara Thompson sowie David und Janet
Rioch 1946 in New York das William Alanson White Institut. 1946 bis
1950 führte Fromm den Vorsitz dieses Instituts, das es sich zur
Aufgabe gemacht hatte, psychoanalytische Kompetenzen an Angehörige
sozialer Berufe zu vermitteln. Fromm ließ den Kontakt nie abbrechen,
auch als er später nach Mexiko umsiedelte (vgl. R. Funk, 1983, S.
105f.).
Neben seiner psychoanalytischen theoretischen und praktischen Arbeit, widmete sich Fromm 1947 bis 1950 verstärkt ethischen und religiösen Themen unter humanistischen Aspekten. So erschienen 1947 Psychoanalyse und Ethik (GA II, S. 1-157) und 1950, als Resultat seiner Vorlesungen an der Yale Universität, wo er 1948/49 Terry Lecturer war, das Buch Psychoanalyse und Religion (GA VI, S. 227, 292). Fortgeführt wurden diese Gedanken unter dem Eindruck von Daisetz Teitaro Suzuki 1960 mit Zen-Buddhismus und Psychoanalyse (GA VI, S. 301-356) und 1966 Ihr werdet sein wie Gott (GA VI, S. 83-226).
Die Hinwendung zur Religiosität mag mit seiner religiösen Sozialisation und dem Erschrecken über den bloßen Sieg der Waffen, nicht dem der erhofften Moral 1945 zu tun haben. Fromm versuchte, angesichts des Antikommunismus in den USA und der faktischen Rehabilitierung der ehemaligen Nazis in Deutschland, Zen mit Talmud und christlicher Mystik zu versöhnen, doch ging es ihm nicht um einen irrationalen Rückzug aufs Mythisch-Religiöse. Vielmehr ging es ihm in seiner radikalen Analyse darum, Unbewußtes mit Gesellschaftspolitischem in eine Synthese zu bringen (vgl. G. Knapp, 1982, S. 92f.). Um die Spätfolgen der Flucht Henny Gurlands vor den Nazis, eine starke rheumatische Arthrose, zu lindern, zogen die Fromms 1949 nach Mexiko. Dort wurde Fromm 1951 an der Staatsuniversität außerplanmäßiger Professor für Psychoanalyse. Die Distanz der Mexikaner zum American way of life, dessen Negativfolgen für die Dritte Welt, die Brückenstellung Mexikos zu Südamerika, verbunden mit der Möglichkeit, Neuland unter den Pflug zu nehmen, beeindruckten Fromm derart, daß er begann, die Psychoanalytikerausbildung in Mexiko aufzubauen. Er wirkte als Lehranalytiker, Seminarleiter und Kontrollanalytiker. Gleichzeitig verbrachte er mehrere Monate im Jahr in den USA, um seine dortigen Verpflichtungen wahrzunehmen. Als Henny Gurland 1952 starb, war Fromms Erschütterung so groß, daß er über sie, wie später über seine Mutter, die 1959 in New York starb, kaum sprach. Es scheint fast, als hätte die tiefe Betroffenheit über den Verlust der beiden nahestehenden Menschen eine Art Amnesie zur Folge gehabt (vgl. R. Funk, 1983, S. 110). Die Distanz zu den USA war für Fromm wichtig, um Wege aus der kranken Gesellschaft (1955a, GA IV, S. 1-254) zu erarbeiten. Sein intensives gesellschaftspolitisches Engagement gründete in der Überzeugung, daß der Kapitalismus ein krankmachendes System sei, dessen Überwindung ein aufgeklärter Humanismus leisten könne. Humanistische Werte konnten seiner Meinung nach einer gesellschaftlichen Fundamentaldemokratisierung die Grundlage bieten. Ebenfalls 1955 wurde Fromm Mitglied der American Socialist Party, deren Programm er mitentwarf (E. Fromm, 1960b, GA V, S. 19-41) ; auch engagierte er sich in der amerikanischen Friedensbewegung SANE. Stellungnahmen gegen den Vietnamkrieg und für eine einseitige Abrüstung zum Abbau des Kalten Krieges untermauerten seinen politischen Anspruch. Die 1956 erschienene Kunst des Liebens (GA IX, S. 437-518) kann ohne diese gesellschaftspolitischen Aspekte nicht angemessen verstanden werden, obwohl Fromm hier sicher auch eigene Erfahrungen reflektierte: 1953 heiratete er Annis Freeman (geb. Grover) und zog mit ihr 1956 nach Cuernavaca in die Nähe von Mexico City. Hier in Cuernavaca setzte sich From in der Folge der Freundschaft mit Ivan Illich und Paulo Freire auch mit pädagogischen Problemen auseinander (vgl. E. Fromm, M. Maccoby, 1970b, GA III, S. 458ff.). Hier fand auch das Symposium zum Zen-Buddhismus mit Daisetz T. Suzuki (1957) statt, von dem Fromm sich zeitlebens beeindruckt zeigte. Die "X-Erfahrung" verband für ihn die humanistischen Religionen, wobei die nicht-theistische Mystik des Buddhismus für ihn nun alle Vorzüge des Judentums und des Christentums vereinigte. Mit der Gründung der psychoanalytischen Gesellschaft in Mexiko (1956) und der Kooperation mit der Medizinischen Fakultät (1960), in der die Studienordnung im Sinne der humanistischen Psychoanalyse festgeschrieben werden konnte, sowie der Eröffnung des Mexikanischen Psychoanalytischen Institutes (1963) war es Fromm gelungen, seine humanistische Revision der Psychoanalyse zu institutionalisieren. Die Feldstudie Über den Gesellschafts-Charakter eines mexikanischen Dorfes (1970b, GA III, S. 231-540), die er mit Michael Maccoby durchführte, bewies die empirische und gesellschaftliche Bedeutung der Analytischen Sozialpsychologie. Zu diesem Zeitpunkt war seine theoretische Auseinandersetzung mit Freud (E. Fromm, 1959a, 1979a, GA VIII, S. 153-221, 259-362) größtenteils zu einem gewissen Abschluß gekommen. Bei den Vorarbeiten zum (geplanten) Symposium über den sozialistischen Humanismus (1965) mit Bloch, Russell, Marcuse, Schaff und den Praxis-Theoretikern in Korcula (Jugoslawien) wurde Marx für ihn erneut wesentlich, vor allem sein Menschenbild. Allerdings wird hier auch Fromms selektive Rezeption des Marxismus deutlich, da er sich schwerpunktmäßig auf die Frühschriften stützt. Sein gesellschaftspolitisches Engagement, z. B. für die Präsidentschaftskandidatur des Demokraten Eugene McCarthy 1968, wurde durch den ersten Herzinfarkt gestoppt. Fromm mußte aus gesundheitlichen Gründen ins Tessin übersiedeln, nachdem er 1967, nach der Emeritierung, seinen Schülern die Fortführung seines Werkes in Mexiko anvertraut hatte. So konnte sich Fromm von 1967 bis 1973 ganz auf sein wohl bedeutendstes Werk, Die Anatomie der menschlichen Destruktivität (GA VIII) konzentrieren, das zu Recht als eine "epochale Leistung" bezeichnet worden ist (vgl. G. Knapp, 1982, S. 70). Er macht darin deutlich, daß der kybernetische, entfremdete Mensch der Industriegesellschaft als Folge des ungelebten Lebens die charakterologisch erklärbare Leidenschaft entwickelt, Lebendiges in Lebloses zu verwandeln. Diesen Umschlag von lebensfördernder Tätigkeit in nekrophile Zerstörungslust zeigt Fromm an den Biographien Himmlers, Hitlers und Stalins auf. Geschichtsphilosophische Überlegungen zeigen, daß Destruktivität ein grundlegendes soziales und zivilisatorisches Problem darstellt, das als eine ethische Herausforderung für die Gesellschaft und das Ab 1974 lebte Fromm ständig in Locarno-Muralto. Hier arbeitete er an seiner Untersuchung Haben und Sein (1976a, GA II, S. 269-494), die zwei widerstrebende Existenzweisen exemplarisch gegeneinanderstellt. Sein radikaler Humanismus verband ihn hier mit Albert Schweitzer, Bertrand Russell, Ernst Bloch und anderen. Fromm forderte auf zur inneren Revolution im Zusammenhang mit einer sozioökonomischen Demokratisierung. Seine Revolution der Hoffnung bleibt nicht bei zivilisationspessimistischen Glasperlenspielen stehen, sondern versucht vor dem Hintergrund eines grundsätzlichen Optimismus die Konsequenzen von zwei Grundprinzipien der menschlichen Existenz zu zeigen: Es gibt reale Hoffnungen, sie können aber auch durch Barbarei zunichte gemacht werden. Aus diesem Grund sind nur die Umrisse seines Weges zu einer humanitären Utopie sichtbar. 1977 traf ihn der zweite Herzinfarkt, der ihn zu Kuraufenthalten in den Schwarzwald, nach Hinterzarten und Baden-Baden zwang. Seine Gedanken konnte Fromm aufgrund seiner angegriffenen Gesundheit fast nur noch in Interviews in seiner alten Heimat Deutschland verbreiten (vgl. A. Reif, 1978; H. J. Schultz, 1983). Er wird mit Ehrungen überhäuft, wird Ehrenbürger der Gemeinde Muralto (1979). Den Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund mußte im gleichen Jahr freilich schon Fromms ehemaliger Assistent, Rainer Funk, für ihn entgegennehmen. Die posthum verliehene Goethe-Plakette seiner Geburtsstadt Frankfurt nahm Annis Fromm 1981 für ihren verstorbenen Mann entgegen. Seine letzte theoretisch-bilanzierende Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds Psychoanalyse - Größe und Grenzen (1979a, GA VIII, S. 259-362) hatte seine letzten Kräfte aufgebraucht. Der Tod trat in der Nacht zum 18. März 1980 durch einen weiteren Herzinfarkt ein. Im letzten Interview vor seinem Tod 1980 hatte Fromm gegenüber der Illustrierten Stern die Hoffnung geäußert, "daß die Menschen ihre Leiden erkennen mögen: den Mangel an Liebe."Literaturnachweise:
Fromm, E.: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA), herausgegeben von Rainer Funk, 10 Bde, Stuttgart (Deutsche Verlagsanstalt) 1980/81 bzw. München (Deutscher Taschenbuch-Verlag) 1989.
- 1922: Das jüdische Gesetz. Zur Soziologie des Diasporajudentums (Schriften aus dem Nachlaß, Bd. 2), Weinheim-Basel 1989 (Beltz Verlag).
- 1930a: Die Entwicklung des Christusdogmas. Eine psychoanalytische Studie zur sozialpsychologischen Funktion der Religion, GA VI, S. 11-68.
- 1932a: Über Methode und Aufgabe einer Analytischen Sozialpsychologie. Bemerkungen über Psychoanalyse und Historischen Materialismus, GA I, S. 37-57.
- 1941a: Die Furcht vor der Freiheit (Escape from Freedom), GA I, S. 217-392.
- 1947a: Psychoanalyse und Ethik (Man for Himself), GA II, S. 1-157.
- 1950a: Psychoanalyse und Religion (Psychoanalysis and Religion), GA VI, S. 227-292.
- 1955a: Wege aus einer kranken Gesellschaft (The Sane Society), GA IV, S. 1-254.
- 1956a: Die Kunst des Liebens (The Art of Loving), GA IX, S. 439-518.
- 1959a: Sigmund Freud. Seine Persönlichkeit und seine Wirkung. (Sigmund Freud's Mission.), GA VIII, S. 153-221.
- 1960a: Psychoanalyse und Zen-Buddhismus (Psychoanalysis and Zen-Buddhism), GA VI, S. 301-356.
- 1960b: Den Vorrang hat der Mensch!. Ein sozialistisches Manifest und Programm. (Let Man Prevail! A Socialist Manifesto and Program), GA V, S. 19-41.
- 1960c: "Gründe für eine einseitige Abrüstung" (The Case for Unilateral Disarmament), GA V, S. 213-224.
- 1966a: Ihr werdet sein wie Gott. Eine radikale Interpretation des Alten Testaments und seiner Tradition (You Shall Be as Gods), GA VI, S.83-226.
- 1968a: Die Revolution der Hoffnung. Für eine Humanisierung der Technik (The Revolution of Hope), GA IV, S. 255-377.
-, Maccoby, M., 1970b: Psychoanalytische Charakterologie in Theorie und Praxis. Der Gesellschafts-Charakter eines mexikanischen Dorfes (Social Character in a Mexican Village), GA III, S. 231-540. - 1973a: Anatomie der menschlichen Destruktivität (The Anatomy of Human Destructiveness), GA VII.- 1976a: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft (To Have or to Be?), GA II, S. 269-414.
- 1979a: Sigmund Freuds Psychoanalyse - Größe und Grenzen (Greatness and Limitations of Freud's Thought), GA VIII, S. 259- 362.
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