Ulrike Meinhof

Ulrike Meinhof

Ulrike Meinhof (1934 - 1976): Moral und Terror
von Dieter Wunderlich

Mit fünfzehn Jahren wird Ulrike Meinhof Vollwaise. Noch als Gymnasiastin betet sie bei Tisch. Entsetzt reagiert sie während des Studiums auf das atomare Wettrüsten und Adenauers Beteuerung, bei den Kernwaffen handele es sich bloß um "eine Weiterentwicklung der Artillerie".

In erfolgreichen Kolumnen und Hörfunkfeatures setzt sich die Starjournalistin für den Abbau sozialer Ungerechtigkeiten ein, agitiert für die Verwirklichung sozialistischer Ideen und protestiert gegen den Vietnamkrieg. "Wir glauben, daß der Mensch in jeder Situation, unter jedem System, in jedem Staat die Aufgabe hat, Mensch zu sein und seinen Mitmenschen zur Verwirklichung des Menschseins zu helfen", schreibt Ulrike Meinhof. Getrieben wird sie von der Sorge, ihre Generation könne ebenso wie die der Eltern versagen und nicht laut genug aufbegehren gegen inhumane Regierungsentscheidungen.

Im Alter von 27 Jahren heiratet sie Klaus Rainer Röhl ("K2R"), den Chef der linksradikalen Studentenzeitschrift "konkret". Einige Monate später muss sie befürchten, unter einem Gehirntumor zu leiden, darf aber keine Tabletten gegen ihre rasenden Kopfschmerzen nehmen, weil sie schwanger ist. Mit ihren sechs Jahre alten Zwillingen Regine und Bettina zieht Ulrike Meinhof 1968 von Hamburg nach Berlin, weil ihre Ehe gescheitert ist.

Dort schließt sie sich der APO an, die sich gebildet hat, als die Opposition im Bundestag mit der Bildung der Großen Koalition zur Farce geworden ist. Zur Radikalisierung der APO kommt es, als ein Polizist den Demonstranten Benno Ohnesorg erschießt und auf den Studentenführer Rudi Dutschke ein Attentat verübt wird.

Ulrike Meinhof bezweifelt schließlich, ob sie mit ihrer journalistischen Arbeit etwas verändern kann. Das Gefühl der Ohnmacht peinigt sie.

Bei ihren Recherchen lernt sie Andreas Baader und Gudrun Ensslin kennen, die 1968 Brandanschläge auf Frankfurter Kaufhäuser verübten. Gudrun Ensslin bestärkt Ulrike Meinhof in ihrem Selbstzweifel und drängt sie zur Tat: Sie soll sich an der Befreiung Baaders aus der Haft beteiligen.

Nach der dramatischen Befreiungsaktion flieht die Journalistin mit den anderen Beteiligten und reist zur Guerilla-Ausbildung nach Jordanien. Ihre beiden Töchter gibt sie auf, um mit Andreas Baader und Gudrun Ensslin die RAF zu aufzubauen, deren politische Ziele sie in mehreren Schriften formuliert. Sie glaubt, es gehe darum, als Teil einer globalen Revolutionsarmee gegen Imperialismus und Kapitalismus zu kämpfen. Im Mai 1972 zündet die "Baader-Meinhof-Bande" Sprengsätze in Frankfurt am Main, Augsburg, München, Karlsruhe, Hamburg und Heidelberg.

Im Monat darauf verhaftet die Polizei die führenden Köpfe der RAF. Ulrike Meinhof wird in der Justizvollzugsanstalt in Köln-Ossendorf eingesperrt -- allein in einem toten Trakt. 1973 schickt sie wortlos die Weihnachtsbasteleien ihren beiden Töchter zurück und bricht den Kontakt zu ihnen ab. Die strenge Einzelhaft wird erst nach 20 Monaten gelockert. Im Mai 1975 beginnt in Stuttgart-Stammheim der Prozess gegen die RAF-Mitglieder.

Als der diensthabende Beamte am 9. Mai 1976 frühmorgens die Zellentür aufschließt, hängt Ulrike Meinhofs Leiche am Fenstergitter. Einen Abschiedsbrief hinterlässt die 41-Jährige nicht.

Am Grab bezeichnet Helmut Gollwitzer Ulrike Meinhof als einen "Menschen mit einem schweren Leben, der sich das Leben dadurch schwergemacht hat, daß er das Elend anderer Menschen sich so nahegehen ließ."


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