Am Kliff Moher stand ich,
an der Westküste von Irland,
wo die Felsen ganz steil sind.
Ich liebe das Meer,
wo die donnernden Wellen
gegen die schwarzen Klippen schlagen,
wo der
Gischt hoch aufspritzt,
und in der glitzernden Sonne zerstäubt.
Ich sah die Möwe
sich hineinstürzen,
keine Woge war ihr zu hoch, kein Fels war ihr zu steil.
Als aber der Sturm kam,
flüchtete ich ins Land hinein zum See.
Dort sind die Felsen nicht so steil,
sie hüllen den See ein wie ein Mantel,
daß der Wind die Wellen nur leise kräuselt.
Ich liebe auch den See,
wenn die Möwe über ihn dahinsegelt
und ihr weißes Gefieder sich im Wasser spiegelt.
Ich liebe auch den Aufwind,
wenn er ihr unter den Flügel greift
und sie
hochhebt, daß sie wie von selbst dahingleitet.Ich sah die Fische ihre Kreise
in das stille Wasser zeichnen
und sah am Abend
nach den Mücken springen.
Da stürzte sich die Möwe auf sie im Flug.
Dann setzte sie sich auf einen flachen Stein
am Ufer und verzehrt ihren Fang,
steckte den Kopf unter das Gefieder
und schlief ein.Aufschaute ich zu dem struppigen Geäst des Eichbaumes,
der vom Wind zersaust ist,
er streckt seine kahlen Äste
wie nheimliche Krallen gegen den Himmel.
Dort oben sah ich eine Krähe weithin
Ausschau halten.
Viele hundert Jahre ist der Eichbaum alt,
und viele hundert Jahre ist auch das graue Gemäuer
des alten Kastells, wo sie
wohnt.
Seine Mauern zerbröckeln schon
und nur der dichte Efeu hält sie noch zusammen.
Dahinein hatte sie ihr Nest versteckt,
ihre
Jungen lagen behütet darin und bettelten um Futter.
Da flog sie weg.
Als sie zurückkam, hörte ich lautes Geschrei, der Adler hatte ihr
Nest ausgeraubt.
Lange stand ich noch da und sah,
wie eine dunkle Wolke über den See kam.
Die Krähe flog schreiend durch den Torbogen
des Kastells mitten in die dunkle Wolke hinein.
Ihr Gefieder war schwärzer als die dunkle Wolke,
und der Regen ergoß sich in Strömen.
Auch die Möwe erhob sich kreischend vom Ufer,
sie flog mitten in die weiße Wolke hinein,
die an den Rändern von der Sonne beschienen war.
Ihr Gefieder war noch heller als die weiße Wolke
und ein leuchtender Sonnenstrahl brach durch.
Da erschien zwischen der dunklen Wolke und der weißen
der große himmlische Zauberer.
Er sammelte mit rascher hand
all die herrlichen Farben von
Irland ein
und baute daraus eune Brücke
vom Fuße des Berges bis weit über den See,
eine leuchtende Regenbogenbrücke:
Eine Farbe von dem
hellroten Mohn,
eine Farbe von der orangenen Abendwolke,
eine Farbe von der gelben Wasserlilie,
eine Farbe von dem grünen Schilfgras,
eine Farbe von dem
lichtblauen Seewasser,
eine Farbe von dem violeten Rhododendron,
eine Farbe von dem indigoleuchtenden Nebelstreifen.Er baute eine riesige Brücke
von dem Fuße des Berges
bis weit über den See,
eine leuchtende Regenbogenbrücke.
Ich rief ihm zu: Schenk mir deine Farben!
Von jeder nur ein kleines Stückchen,
ein Stückchen,
nicht größer als ein Kieselstein!
Ich will sie in meinem Farbkasten sammeln,
damit ich malen kann, was ich gesehen in Irland:
Die riesigen Bäume,
die roten Fuchsienhecken,
die Esel, die Schafe, die Füchse, die Hasen,
die alten Hirten, die Kinder mit den rooten Haaren,
die Kathrin mit ihren Kühen
und Jonnie Hoppelang.
Als ich aber aufschaute, da war der Zauberer verschwunden
und mit ihm auch der Regenbogen,
und mein Farbenkasten blieb leer.
Aber ich hatte
ein anderes Kästchen bei mir:
mein goldenes Kästchen der Erinnerung!
Daraus kkonnte ich nun alles wieder herausholen
und mit Worten malen,
und ich hoffe,
ihr versteht mich auch so.
(Aus dem Buch "Tiergeschichten aus Irland" von Wera Bockemühl)