Der Mahlstrom

Nach einer Erzählung von Edgar Allen Poe, bearbeitet von Uwe Roller


der grauenvolle Mahlstrom

 I Vor einigen Jahren beschloß ich, meinen Urlaub weit oben im Norden zu verbringen. Ich hatte gerade mein Abitur hinter mich gebracht, und bis ich mit meinem Studium beginnen konnte, hatte ich noch über zwei Monate Zeit. Nachdem ich schon einige Wochen in Schweden, Dänemark und Lappland gewesen war, zog es mich nach Morwegen. Schon immer mich die wilde Fjord- und Küstenlandschaft, wie ich sie aus Bildern und Erzählungen kannte, in ihren Bann gezogen. Gleichzeitig gedachte ich, mir dort einen alten Wunsch zu erfüllen: Einmal eine ganze Wochen mit einem Fischkutter auf See zu fahren, beim Fischen zu helfen und die wichtigsten Grundkenntnisse der Fischerei zu erlernen.
Auf dem achtundsechzigsten Breitengrad, im unwirtlichen Bezirk Lofoten der großen Provinz Nordland, fand ich endlich einen Fischer, der mir meinen Wunsch nicht von vornherein abschlug. "Aber", fügte er sofort hinzu, "bevor sie sich endgültig entschließen, möchte ich ihnen etwas zeigen."
Was dieses 'etwas' war, wollte er mir vorerst nicht verraten, bestellte mich jedoch für den morgigen Tag, punkt sechs Uhr zu sich und empfahl mir noch, mich für eine kleine Wanderung in die Berge auszurüsten.
Nun, was er als kleine Wanderung bezeichnet hatte, entpuppte sich als ein anstrengender Marsch von sechs Stunden. Der Alte führte mich weit hinauf auf die zerklüfteten Höhen der Klippen. Höher und immer höher stiegen wir, bis wir gegen zwölf Uhr mittags endlich den höchsten Punkt der Felsen erreicht hatten.
"Der Berg auf dessen Gipfel wir sitzen, heißt Helseggen, der Umwölkte", sagte der alte Fischer. Damit zog er mich auf die Knie, und gemeinsam krochen wir noch einige Meter vorwärts, bis die Klippe vor uns senkrecht abfiel. Wir befanden uns nun gerade über dem Meer, aber wie!!! Mir schauderte. Die Klippe aus schwarzem, schimmerndem Gestein, die sich Helseggen nannte, ragte fast lotrecht viele hundert Meter aus einer Unzahl kleinerer Klippen unter uns empor.
"Sie müssen ihre Angstvorstellungen überwinden", sagte mein Führer, "denn ich habe sie hierher geführt, um ihnen den bestmöglichen Ausblick auf den Schauplatz eines ungewönlichen Schauspiels zu geben. Sehen sie hinunter!" Mit einem Gefühl des Schwindels sah ich auf eine weite Meeresfläche hinunter, deren Wasser so schwarz wie tinte war. Ein Panorama von trostloserer Verlassenheit kann keine menschliche Phantasie ersinnen. Zur Rechten und zur Linken erstreckten sich, soweit das Auge reichte, wie Grenzmauern Reihen schauerlich schwarzer Klippen, deren unheimlicher Eindruck durch die Brandung noch erhöht wurde. Die weißen Schaumkronen gischteten ewig heulend und kreischend an den Klippen hinauf. Dem Vorgebirge, auf dessen Erhebung wir uns befanden, gerade gegenüber, ließ sich in einer Entfernung von mehr als zehn Kilometer draußen auf See eine kleine Insel , kahl, schrecklich zerklüftet und von einer Anzahl dunkler Riffe in verschiedenen Abständen umgeben.
"Die Insel dort hinten", begann der alte Fischer wieder, "nennen wir Vurrgh, die in der Mitte Moskoe ... Aber jetzt! ... Hören sie etwas? Bemerken sie eine Veränderung im Wasser?" Während der Alte noch redete, nahm ich ein lautes und stetig anschwellendes Geräusch wahr, das an das Brüllen einer ungeheuren Büffelherde auf den Prärien Amerikas erinnern mochte.
Gleichzeitig bemerkte ich, wie das bisher wild durcheinander gischtende Meer sich unter uns in eine starke Strömung verwandelte, die sich nach Osten bewegte. Während ich noch daraufblickte, nahm diese Strömung eine ungeheure Schnelligkeit an. In fünf Minuten war das ganze Meer bis nach Vurrgh aufgepeitscht. Zwischen Moskoe und der Küste auf der wir uns befanden, hatte der Aufruhr seinen Höhepunkt. Die gewaltige schwarze Fläche des Wassers schwoll kochend und zischend empor, kreiste in zahllosen, gewaltigen Wirbeln und stürzte zuletzt in reißender Schnelle strudelnd und tosend nach Osten.

Wenige Augenblicke später änderte sich das Bild. Die kleinen Wirbel schwanden nacheinander weg, während sich merkwürdige Schaumstreifen bildeten, die vorher noch nicht dagewesen waren. Diese Streifen dehnten sich auf weite Strecken aus, flossen ineinander und übernahmen die Kreiselbewegung der verschwundenen Wirbel. Ein Wirbel von ungeheuren Ausmaßen bildete sich. Plötzlich, urplötzlich zeichnete er sich mit einem Durchmesser von mehr als zwei Kilometer klar und bestimmt ab. Den Rand des Strudels bildete ein glänzender, breiter Schaumgürtel. Das Innere des grausigen Trichters war, soweit das Auge hineinsehn konnte, ein glatter, schimmernder, pechschwarzer Wasserwall, der sich in einem Winkel von 45 Grad gegen den Horizont neigte. Immer und immer in einer schwellenden und schwingenden Bewegung kreisend, schickte der Strudel einen so fürchterlichen Lärm zu uns hoch, daß sogar der Helseggen in seinen Grundfesten erbebte."Das hier", schrie mir der alte Fischer zu, "das hier ist nichts anderes als der große Strudel des Mahlstroms!" Ich nickte nur. Natürlich hatte ich davon gehört und gelesen, aber bisher waren mir diese Berichte als als abenteuerliche Fabel oder Phantasie erschienen. Der Fischer zog mich ein Stück vom Abgrund fort. Hinter einem Felsen war das Brüllen etwas gedämpfter, so daß wir uns -wenn auch nur mit Mühe- wieder unterhalten konnten."Ich will ihnen noch ein paar Dinge sagen", begann der alte Fischer wieder. "Zwischen den Lofoten und Moskoe beträgt die Wassertiefe ungefähr siebzig Meter. In der Mitte des Strudels muß die Tiefe jedoch erheblich größer sein. Den besten Beweis dafür haben sie ja selber gehabt, als sie gerade von oben seitwärts in den Abgrund geblickt haben. Zur Zeit der Flut strömt das Wasser mit rasender Geschwindigkeit zwischen Lofoten und Moskoe zum Lande hin. Das Tosen selbst ist meilenweit zu hören. Ein in den Sog gezogenes Schiff wird unweigerlich verschlungen und auf den Grund hinab gezogen, wo es den Felsen zerschmettert. Wenn sich später die Wasser beruhigt haben, kommen seine Trümmer wieder an die Oberfläche. Diese Ruhepausen treten immer beim Gezeitenwechsel und ruhigem Wetter ein. Sie dauern nur eine Viertelstunde, worauf das Getöse allmählich wieder anschwillt. Wenn die Strömung sehr stark ist, und durch einen Sturm noch verstärkt wird, ist es gefärlich, dem Strudel bis auf eine norwegische Meile, also etwa acht Kilometer nahe zu kommen. Boote, Jachten und größere Schiffe wurden schon bei mangelnder Wachsamkeit hinweggerissen, bevor sie in die Reichweite des Strudels gekommen waren. Ja, und wenn Kiefern und Fichten von der Strömung verschluckt werden, kommen sie so zerknickt und zerfetzt wieder heraus, als wären sie mit Borsten bewachsen. Das deutet darauf, daß der Grund des Mahlstromes aus zackigen Riffen besteht, zwischen denen sie herum gewirbelt werden". Nochmal zog mich der Alte an die Klippe vor, nochmal sah ich den grausigen Trichter. Dann deutete der Fischer auf die See zwischen Lofoten und Moskoe und Vurrgh. "Dort sind meine Fanggründe, wollen sie immer noch mitfahren?"
Bewunderte ich die Tollkühnheit des alten Fischers, war ich neugirieg, wie er hier, in der Nähe des Mahlstromes überhaupt fischen konnte, ...ich weiß es nicht mehr. Vielleicht war ich einfach nur berauscht von dem Anblick und verrückt dazu... Ich beugte mich zu ihm hinüber und schrie zurück: "Ich will mit, wann soll es losgehen?" Schweigend stand der Alte auf und begann den Rückmarsch. Den ganzen langen Weg abwärts ins Tal sprach er kein Wort. Erst als er mich vor seiner Hütte verabschiedete, erklärte er mir noch den Ort, wo sein Fischerboot vor Anker lag un bestellte mich auf den nächsten Tag, zwei Uhr nachmittags dorthin.



II

Der nächste Tag begann vielversprechend mit strahlendstem Sonnenschein und einer sanften und stetigen Brise aus Südwest. Keiner, nicht einmal die erfahrensten Seeleute hätten vorraussehen können, was geschehen sollte.

An diesem 10.Juli 1973 war ich schon einige Zeit vor der Abfahrt in der kleinen Bucht, wo das Boot vor Anker lag. Es war ein schonerähnliches Schiff von etwa 70 Tonnen. Der alte Fischer war noch nicht da, wohl aber sein Sohn, ein kräftiger, vollbärtiger Mann von fast vierzig Jahren. Mit ihm kam ich ins Gespräch. Mein Interesse galt natürlich der Frage, wie die beiden denn überhaupt da draußen fischen konnten, wo doch der Mahlstrom in so bedrohlicher Nähe toste!! "Ja", begann der Fischer, "wenn die Gelegenheit günstig ist, kann man eigentlich überall dort, wo das Meer kleinere Strudel bildet, fischen, wenn man den Mut zu diesem Wagnis aufbringt. Unter allen Bewohnern der Lofotenküste sin wir -mein Vater und ich- jedoch die einzigen, die zwischen Vurrgh und Moskoe fischen. Die anderen Fischer fahren weit auf die offene See hinaus, wo zu jeder Zeit gefischt werden kann. Aber die besten Fische und die größten Mengen können nur zwischen den beiden Inseln gefangen werden.
Wir ankern unser Boot immer hier, etwa fünf Meilen die Küste aufwärts, und gebrauchen dann die 15 Minuten Stillwasser, um die Rinne des Mahlstromes weit oberhalb des Strudels zu überqueren. Zwischen den beiden Inseln sind die Strudel nicht so heftig und wir können dort vor Anker gehen. Wir bleiben normalerweise dann dort, bis das nächste Stillwasser fast heran gekommen ist, lichten die Anker und Segeln heim. Wir unternehmen die Tour niemals, wenn wir nicht mit einem kräftigen Seitenwind für die Hin- und Rückfahrt rechnen können. Bisher hat das immer geklappt, auch wenn wir schon manches Mal eine Minute vor oder nach dem Stillwasser erst unser Ziel erreicht haben.
Inzwischen war auch der alte Fischer herzugekommen, und er mußte wohl die letzten Sätze seines Sohnes gehört haben, denn erbemerkte beipflichtend: "Ja, wir fangen an einem einzigen Tag mehr, als unsere ängstlicheren Freunde in einer ganzen Woche. Aber wir machen eine verzweifelte Spekulation daraus, indem wir die Arbeit durch Lebensgefahr und das Kapital durch Mut ersetzen."



III

Es war nun zwei Uhr nachmittags, kurz bevor der Gezeitenwechsel bevorstehen sollte. Schnell stachen wir in See und hatten auch bald die gefährliche Strecke hinter uns gebracht. Zwischen Vurrgh und Moskoe gingen wir wie vorgesehen vor Anker, refften die Segel und begannen, die Netze auszubreiten. Bis sieben Uhr half ich den beiden Fischern so gut es ging bei ihrer Arbeit, lernte viel dazu und war mit vollem Eifer bei der Sache. Endlich hatten wir den Fang eingebracht, es waren zahlreiche wertvolle Fische, die den Laderaum fast bis an den Rand füllten. Dann lichteten wir die Anker, damit wir die gefährlichste Stelle des Mahlstroms bei ruhigem Wasser, also um acht Uhr passieren konnte.
Rasch glitten wir über die schwarze Wasserfläche, als wir urplötzlich von einer Bö, die vom Helseggen kam, zurückfeschleudert wurden. Die beiden Seeleute schauten sich unheilverkündent an, und auch ich fühlte sogleich ein leichtes Unbehagen in mir aufsteigen. Als wir uns umblickten, sahen wir den ganzen Horizont mit einer eigenartigen kupferfarbenen Wolke bedeckt, die sich mit bedrohlicher Geschwindigkeit ausbreitete. Unterdessen flaute die Brise, die uns zurückgetrieben hatte ab, so daß wir plötzlich in einer vollkommenen Widstille lagen. Indessen verdunkelte sich der Himmel immer weiter, und innerhalb kürzester Zeit wurde es so finster, daß wir keine 10 Meter weit mehr sehehn konnten. Ein furchtbarer Orkan brach los, kaum daß es dem Sohn des Fischers gelungen war, sich mit einem Strick an das Ruder zu binden. Bevor es uns richtig packte, konnten wir noch die Segel lösen und flattern lassen... Es nützte nichts. Gleich bei der nächsten Bö ging erst der Großmast dann der zweite Mast über Bord, so las wären sie abgehackt worden. Ein Sturzsee überflutete das Boot, und als wir wieder auftauchten, da war das Ruder weggespült und mit ihm auch der junge Fischer. Ich selbst hatte mich, sobald wir die Segel losgemacht hatten, einfach flach auf das Deck fallen lassen, die Füsse gegen ein Brett am Bug gestemmt und mit beiden Händen eine Ringbolzen ergriffen. Es war reiner Instinkt, der mich dazu trieb, aber es war zweifellos das Beste, was ich überhaupt tun konnte.

Das kleine Boot schüttelte sich wie ein Hund und tauchte langsam wieder aus den Wassermassen. Da fühlte ich einen Griff am Arm. Es war der alte Fischer. Mein Herz hüpfte regelrecht vor Freude, da ich nicht gewußt hatte, ob er nicht samt seinem Sohn von Bord gespült worden war, aber diese Freude wurde im nächsten Augenblick in Entsetzen verwandelt, denn er legte seinen Mund dich an mein Ohr und schrie das Wort'MAHLSTROM' hinein.

Niemand kann ermessen, was ich in diesem Moment fühlte. Ein Schauer durchlief mich. Ich wußte nur zu gut, was er mit diesen Worten meinte- ich wußte, was er mir zu verstehen geben wollte. Mit dem Wind, der uns jetzt vorwärts jagte, trieben wir geradewegs auf den Mahlstrom zu und keine Macht der Welt konnte uns jetzt noch retten.



IV

Die Wassermassen hoben sich zu wahren Bergen empor. Der Himmel, bis jetzt war er pechschwarz gewesen, riß über uns ein wenig auf und aus dem rabenschwarzen Spalt beleuchtete der Vollmond die Szenerie. In nie zuvor gesehenem Glanz übergoß er alles mit hellem Licht, aber w a s für ein Schauspiel war es, das er beleuchtete.

Bleich wie der Tod schüttelte der Alte neben mir den Kopf und hob einen Finger, als wollte er sagen: Horch!

Er hätte mich gar nicht erst darauf aufmerksam machen müssen. Als wir vin einer riesigen Welle hoch hinauf getragen wurden, hatte ein schneller Blick genügt, um das gespenstische Schauspiel voll zu überblicken: Der Mahlstrom befand sich in vollem Toben; der Strudel kreiste ungefähr eine Meile vor uns in einer Art, daß das, was ich gestern beobachtet hatte ein Kinderspiel dagegen gewesen war. Hätte ich nicht gewußt, wo wir uns befanden und was uns erwartete, ich hätte den Ort nicht wiedererkannt. Jedenfalls schloß ich vor Entsetzen unwillkürlich die Augen.

Kaum zwei Minuten später nahmen die Wogen ab und das Boot wurde von Gischt eingehüllt. Das Boot machte eine scharfe Halbdrehung nach links und schoß dann wie ein Pfeil in der neuen Richtung weiter. Gleichzeitig wurde das tobende Gebrüll der Wasser von einem schrillen Pfeifen übertönt. Wir befanden uns jetzt innerhalb des Brandungsgürtels, der den Strudel stets umgibt. Das Boot schien wie eine Luftblase auf der Oberfläche hinzugleiten und ich nahm an, daß wir im nächsten Augenblick endgültig in den Abgrund hineingerissen würden. doch zunächst geschah nichts dergleichen.
Wie oft wir den Gürtel umkreisten, kann ich nicht sagen. Wir jagten vielleicht eine Stunde herum und herum, wobei wir allmählich immer weiter in die Mitte der Brandung und dann immer näher an dem furchtbaren inneren Rand gelangten. In dieser ganzen Zeit hatte ich den Ringbolzen nicht losgelassen. Der Alte hielt sich dicht hinter mir an einem kleinen leeren Wasserfaß fest, das dort angebunden und der einzige Gegenstand an Deck war, den die Sturzseen nicht über Bord gespült hatten. Sobald wir uns dem Abgrund näherten, ließ er seinen Halt fahren und Griff nach meinem Ring, von dem er in seiner Todesangst meine Hände wegzureißen versuchte, denn der Ring war nicht groß genug, um uns beiden einen sicheren Halt zu gewähren. Er mußte vor lauter Angst halb wahnsinnig geworden sein...
Aber ich ließ es nicht auf einen Streit mit ihm ankommen. Ich wußte ja, daß es keinen Unterschied machte, ob sich einer von uns überhaupt noch an etwas festhielt oder nicht; so überließ ich ihm den Bolzen und kroch nach hinte zu dem Fass. Dies war ohne große Mühe auszuführen, denn das Boot flog auf sicherem Kiel ruhig genug im Kreis herum. Kaum jedoch hatte ich mich in meiner neuen Lage gesichert, als wir einen heftigen Ruck nach rechts machten und jählings in den Abgrund hinabsausten. Ich glaubte, daß nun alles vorüber sei. Aber nach wenigen Augenblicken hörte das Gefühl des Fallens wieder auf und ich lebte immer noch. Die Bewegung des Schiffes schien die gleiche zu sein, mit dem einzigen Unterschied, daß wir jetzt schiefer lagen. Ich fasste wieder Mut und blickte nochmals auf die Szene: Nie werde ich das Gefühl der Ehrfurcht, des Entsetzens un der Bewunderung vergessen, mit dem ich um mich schaute. Das Boot schien wie durch ein Zauber auf halbem Weg nach unten zu hängen- an der Innenfläche eines ungeheuer umfangreichen und erstaunlich tiefen Trichters.
Ich blickte nach unten. Ich konnte dorthin ungehindert schauen, weil das Boot so eigenartig an der schrägen Wand des Trichters hing. Es fuhr auf ebenem Kiel, das heißt, sein Deck lag parallel zur Wasserfläche, die jedoch in einem Winkel von mehr als 45 Grad geneigt war, so daß wir auf der Seite zu liegen schienen. Trotzdem konnte ich in dieser Lage Halt und Gleichgewicht bewahren, was offensichtlich durch die Schnelligkeit, mit der wir uns im Kreis drehten, bewirkt wurde.
Ein Ende des Trichters konnte ich nicht ausmachen. Dort, weit unten, war alles in dichten Nebel gehüllt.

Unser erstes Hinabgleiten vom Schaumgürtel in den eigendlichen Trichter hatte uns ein beträchtliches Stück in die Tiefe gerissen, jetzt aber verlangsamte sich die Bewegung. In gleichförmiger Bewegung wurden wir im Kreise gedreht, immer und immer wieder - während die Fahrt in die Tiefe zwar merklich, aber nur sehr langsam vor sich ging.
Ich begann jetzt mit sonderbarem Interesse die vielen Gegenstände, die mit uns im Strudel trieben, zu beobachten. Schiffstrümmer, Bauholz, Baumstämme, Fässeer uns zerbrochene Kisten trieben mit uns im Kreise.

Ich muß verrrückt gewesen sein, denn es machte mir eine geradezu diebische Freude zu überlegen, welches Teil wohl als nächstes in der Gischt versinken würde.
'Diese Fichte', sagte ich etwa zu mir, 'wird das nächste Ding sein, das den grausigen Sprung macht und verschwindet'- aber dann sah ich regelrecht enttäuscht, daß das Wrack eines holländischen Handelschiffes sie überholte und vor ihr unterging. Nachdem ich mehrmals in dieser Weise geraten und mich des öfteren getäuscht hatte, brachte mich gerade diese Tatsache auf einen Gedanken, der meinen Puls jäh in die Höhe trieb.
Ich machte drei Beobachtungen: Erstens ging das Absinken der Gegenstände umso schneller vor sich, je größer sie waren. Zweitens bewegten sich Körper von shärischer -also gewissermaßen stromlinienförmiger- Gestalt schneller abwärts unds drittens wurden Körper von zylindrischer Gestalt langsamer als alle übrigen eingesogen...
Daß wir bei jeder Umdrehung Dinge wie Fässer, Rahen oder Schiffsmasten überholten, schien meine Beobachtungen zu bestätigen. viele Gegenstände, die sich anfangs auf gleicher Höhe mit dem Schiff befunden hatten, schwammen jetzt hoch über uns und schienen sich aus ihrer ursprünglichen Lage nur wenig nach unten bewegt zu haben. Nun schwankte ich nicht länger, was ich tun sollte. Ich beschloß, mich fest an das Faß zu binden, an dem ich mich hielt, und mit ihm ins Wasser zu springen.
Verzweifelt versuchte ich, dem alten Fischer klarzumachen, was ich vorhatte, umsonst: er schüttelte verzweifelt den Kopf und klammerte sich nur noch fester an seinen Ringbolzen. Es war mir unmöglich, ihn mit meinen Zeichen zu irgendetwas zu bewegen, und da die Notlage kein Zögern erlaubte, überließ ich ihn nach bitterem Kampfe seinem Schicksal, band mich mit dem Stricken, die das Faß am Heck hielten, daran fest und stürzte mich, ohne einen Augenblick zu zögern, ins Meer. Das Ergebnis war genau das, was ich erhofft hatte: Rasch blieb ich über dem Boot zurück, während dieses immer weiter nach unten sank. Ungefähr eine Stunde, nachdem ich es verlassen hatte, machte es tief unter mir drei oder vier wilde Umdrehungen schnell hintereinander und verschwand samt dem alten Fischer im Wirbel der Gischt...
Ich selbst war noch nicht weit hinabgesunken, als mit dem Wirbel eine große Veränderung vor sich ging. Die Seitenwände des ungeheuren Trichters verloren an Steilheit.
Nach und nach verringerten sich die Umdrehungen des Strudels. Langsam verschwand die Gischt mit dem Regenbogen darüber under der Grund des Trichters schien sich allmählich zu heben.
Der Himmel war klar, die Winde hatten sich gelegt, und der Vollmond ging strahlend im Westen unter, als ich mich wieder auf der Oberfläche des Meeres befand, vor mir die Küste von Lofoten und unter mir die Stelle, wo der Mahlstrom gewesen war. Die Zeit des Stillwassers war gekommen.
Allerdings türmte sich die See unter den Nach wirkungen des orkans noch in meterhohen Wogen empor. Ich wurde heftig in die Strömung des abfließenden Wassers getragen und in wenigen Minuten die Küste abwärts zu den Fanggründen der Fischer getrieben.
Ein Boot nahm mich auf- ich war von den Anstrengungen völlig erschöpft und konnte selbst jetzt, da die Gefahr vorüber war, kein Wort sagen, infolge der Erinnerung an ihre Schrecken. Erst nachdem ich längst wieder festen Boden unter den Füßen hatte, erzählte ich den Fischern meine Geschichte.

Sie haben mir nicht geglaubt. Ich habe sie euch jetzt erzählt und kann kaum erwarten, daß ihr mir mehr Glauben schenkt, als die Fischer von Lofoten.


Diese Geschichte wurde extra für lange Abende am Lagerfeuer von Uwe Roller erstellt. Weitere Geschichten von ihm folgen!!!


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